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Routinen.

Nach 100 Tagen verlassen wir die Intensivstation und ziehen um auf die Frühchenstation.  Ich freue mich. Unglaublich das wir jetzt 100 Tage schon hier sind. Wo ist die Zeit nur geblieben? Ich erschrecke mich wirklich selber bei der Zahl und bin auch ein bisschen stolz. Stolz dass ich das geschafft habe ohne den Mut und die Kraft zu verlieren. Stolz, weil eine andere Mutter mir gesagt hat, dass ich immer soviel Positives ausstrahle und lächle und ihr damit Mut mache. Wenn ich jetzt die letzten 100 Tage zurückblicke, dann sind es Tage mit fast immer dem gleichen Tagesablauf. Ich habe mir unbewusst ein Gerüst gebaut,  in dem ich mich durch den Tag bewege. Das fängt damit an, dass ich mit dem Auto losfahre. Höre immer die selben beiden Lieder, geniesse das Alleinsein und vergieße da auch die ein oder andere Träne. Vor Traurigkeit oder auch vor Glück. In der Klinik benutze ich immer den rechten Fahrstuhl nach oben, atme einmal tief durch und klingel auf Station. Der Satz ist immer gleich “ … Besuch für …

Sich was gönnen können.

Letzter Punkt auf der to-do-Liste in meinem Kopf ist mein Kopf selber. Es geht nach Hause. Der Kleine kommt heim. In wenigen Wochen, fast schon Tage, ist er wirklich bei uns zu Hause. So unglaublich das für mich ist, bleibt doch immer irgendwo in mir so ein kleines bisschen Unsicherheit. So richtig kann ich das noch nicht glauben. Trotzdem haben wir angefangen vorzubereiten. Einen  Kinderwagen gekauft, ein Beistellbett und Omas Kommode wird eine Wickelmöglichkeit fürs Erdgeschoss hergeben. Jetzt steht alles, dem Kleinen geht es gut und ich könnte mal locker für zwei Stunden raus aus dem Klinikalltag und zum Frisör. Klitzklein schläft, also los. Damit es schnell geht, gehts zum erstbesten Frisör an der Ecke, ich ziehe ne Nummer und warte. Es geht ein bisschen zu, wie am Fließband. Es ist laut und hektisch. Halbe Stunde schon rum… Mist ich muss gleich pumpen…. Schaffe ich ja gar nicht…. Auch nicht so dringend eigentlich… Dann halt Zopf… Vielleicht ein anderes mal….. Heute ja schon unruhig der Kleine… Besser ich geh mal rüber und gucke… Kann doch …

Hüttenkoller

Jetzt is er da. Ich hab ihn. Nach 130 Tagen war er plötzlich da. Lässt sich auch nicht verleugnen. Ich habe einen Hütenkoller, mir fällt die Decke auf den Kopf. Wir wollen nach Hause. Auf einmal empfinde ich alles viel lauter und heller und stressiger. Das Kindergeschrei der anderen Babys, die Summerei der Eltern, das Telefon, die Stimmen der anderen Leute… Aber die Spitze des Eisbergs, d a s Objekt schlechthin welches mich wirklich an den Rand meiner Geduld, meiner Leidensfähigkeit bringt, worauf ich mich offensichtlich in den letzen Tagen eingeschossen habe, ist: DIE SPIELUHR. Wenn ich das aufziehen, dieses „knrrrrrrr“ höre, bekomme ich schon den Kloß im Hals. Und dann die Melodie! Die Melodie! Es gibt nämlich offensichtlich nur eine! Und diese Melodie sämtliche Spieluhren im Kanon und gefühlte 10 Std. am Tag: La Le Lu… Nur der Mann im Mond schaut zu…. Natürlich schaut nur noch der Mann im Mond zu! Die anderen sind schon alle geflohen! … Wie die kleinen Babys schlafen…. Die schlafen nicht! Die schreien weiter und ich würde gerne …

Frühchen sind nichts für Feiglinge.

„Frühchen sind nichts für Feiglinge.“ – ich bin Einer!Mit nem Frühchen wird man zum Grenzgänger. Man erlebt und tut Dinge für die man selber eigentlich viel zu feige ist. Zumindest ich. Und ja, auch ich würde gerne mal sagen “ Ne, mach du lieber.“  Ich hab nämlich auch Angst um dieses kleine zerbrechliche Wesen und davor, ihn so unglücklich anzufassen, daß es ihm weh tut, daß der Beatmungsschlauch abknickt, wir mit der blöden Magensonde hängen bleiben, daß ich etwas falsch mache. Ist nämlich auch mein erstes Frühchen. Auf der anderen Seite möchte ich das alles am liebsten alleine und selber machen. Der Kleine ist doch mein Baby. Aber nichts kann ich alleine. Darf man einfach die Türen aufmachen und das Baby anfassen? Ach nicht streicheln? Nur drauflegen die Hände. Schon den ersten Fehler gemacht. Ich wollte ihn streicheln damit er sich wohlfühlt, aber das tuen Frühchen gar nicht. Also lege ich die Hände einfach nur drauf und hab Angst, dass es ihm nicht gut tut. Der Bildschirm blinkt, der Alarm geht los, ich ziehe schnell die Hand …